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Gemeindeberichte
Über die Entstehung und Gründung der deutschen Kolonien in Neurußland
Mißernte 1833
1833 war ein schreckliches Mißjahr. Ein trockener Herbst und ein besonders kalter Winter sorgten 1832 dafür, dass die Wintersaat nicht aufging und für die folgende Ernte verloren war. Zudem waren das Frühjahr und der Sommer 1833 trocken und mit außergewöhnlichen Temperaturen gesegnet. Wie hilfreich waren jetzt wieder die Kornspeicher, die in früheren Jahren angelegt werden mussten und die für die notwendigste Versorgung und Ernährung dienen konnten.
Einem Bericht in der Odessaer Zeitung „über das Notjahr 1833 bei den Molotschnaer Mennoniten“ zufolge muss es schlimm gewesen sein.
„Die Pferde waren auf die große, weite Steppe, näher am Schwarzen Meer, zur Winterweide gebracht worden, wo die armen Tiere die langen, kalten Winternächte bei ungestümem Wetter in den Hocks* auf freiem Felde eingesperrt stehen mussten und sich vor Hunger einander Schweif und Mähne abnagten, ja die Bretter der Umzäunung nicht verschonten, wo sie denselben nahe kommen konnten. Infolge der Kälte drangen sie sich in dichten Haufen zusammen, wobei nicht selten die schwächeren Tiere von den stärkeren in den Schlamm und Kot getreten und erstickt wurden.“
Als die Kunde von der schrecklichen Lagen der Tiere in den Gemeinden eintraf, beschloß man, sie zurück zu holen. Doch die übriggebliebenen Pferde waren zu schwach, um den bis zu 130 Werst langen Weg zu bewältigen. Man musste für teures Geld Hafer und Heu von den dort ansässigen Russen kaufen und an den Tagesetappen bereitstellen. Von 7 346 Pferden blieben nur 4 986 übrig. Der Verlust wäre noch größer gewesen, wenn nicht jede Wirtschaft zwei Pferde als Zugtiere zurück behalten hätte.
Im Sommer 1833 kam alles nur noch schlimmer. Die Wintersaat war verloren, die trotz des trockenen Bodens ausgesäte Sommersaat ging ebenfalls nicht auf. Ende Mai war die Steppe kahl, die Weide war vertrocknet und das Vieh litt unsäglich. Wieder musste es auf weit entferntes, gepachtetes Weideland getrieben werden, um es vor dem Hungertod zu retten. Die zurückbehaltenen Milchkühe und Zugpferde „kamen am Abend vor Hunger brüllend heim, begehrend zerrte es an dem alten Dachstroh der Schuppen, wo es nur rankommen konnte. Es fraß den alten Strohdünger und wurde nicht satt.
... An eine Heumahd war sowieso nicht zu denken. Was an ausgetrockneten Bächen und Tümpeln an Kraut, Rohr und Binsen gewachsen war und sonst niemals beachtet war, wurde jetzt mit größter Sorgfalt eingesammelt und als Winterfutter eingelagert.“
Viehseuchen blieben nicht aus und dezimierten den Viehbestand zusätzlich.
„... Tausende, besonders Nogaier und Bewohner der Russendörfer, zogen bis in die weiteste Ferne hinaus, um von Almosen jämmerlich ihr Leben zu fristen.
Mehrere Hundert, darunter ganz Haufen Kinder, zogen in den Kolonien umher und baten um Nahrung. Dadurch wurden besonders die Kleinen an das Betteln gewöhnt, dass sie auch noch in späteren Jahren, als bereits wieder bessere Zeiten eingetreten waren, nicht mehr von diesem Gewerbe lassen wollten und geradezu zur Plage wurden.“
Zu allem Unglück erwies sich dann noch der für die Wintersaat angekaufte Roggen im folgenden Frühjahr als nicht keimfähig und ging nicht auf.
Soweit in gekürzter Form der Bericht „aus vergilbten Papieren“, wie der Untertitel der Odessaer Zeitung zu diesem Bericht lautete.
Es soll diese Arbeit ein erster Versuch sein, die schwere Zeit des Anfangs der deutschen Kolonien anhand von einigen wenigen Beispielen aus der Fülle von authentischen Berichten einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, die bisher nur einem begrenzten Kreis von Interessierten und Fachleuten bekannt waren. Das vorliegende Material erlaubt noch weitere Arbeiten dieser Art.
Der nächste Eintrag an dieser Stelle erfolgt am 1. November 08
*Pferch
Freudenthal
I.
Im Jahre 1806 begann die Niederlassung der ausländischen Ansiedler zur Gründung der Kolonie Freudenthal und wurde im Jahre 1807 durch eine zweite Einwanderung beendigt.
II.
Die Kolonie wurde auf der nördlichen Seite des Baraboiflusses und längs desselben angelegt. Die Entfernung des Dorfes von der Kreisstadt Odessa beträgt 30 Werst. Die zur Gründung dieser Kolonie angewiesene Steppe war bei der Ansiedlung ein mit Rasen bewachsenes sehr ergiebiges Land, dessen Oberfläche gegen 8 Werschock tief aus schwarzer Erde besteht, dem dann meist gelber Lehm mit Salpeter und Kalkmergel vermischt, folgt. Das südliche an manchen Stellen sehr hohe Ufer des Baraboiflusses bietet der Kolonie ganz in der Nähe ungemein vorteilhafte Sägsteinbrüche dar. Da aber im Laufe von 42 Jahren die Seelenzahl mehr als noch einmal so groß geworden ist, so daß die zweite Generation der Ansiedler bereits schon eingetreten, so wird das Feld auch häufiger umgeackert und der Rasen durch die große Viehanzahl meistens kahl abgeweidet, und die Sonnenhitze wirkt deshalb weit nachteiliger auf die Erde als früher und so entspricht das Wachstum nicht mehr dem der früheren Jahren. Das über dem südlichen Ufer des Flusses gelegene kiesige Land ist zum Fruchtbau und Heuwachs ungünstig, die Kolonisten haben aber dem Dorfe entlang mit nützlichen Wein - und Baumanlagen verziert. Da aber vor der Ansiedlung keine Spur von Bäumen oder sonstigen Anlagen war, so haben die Kolonisten das mittägliche Ufer des Baraboiflusses, wo die Steinbrüche es nicht hinderten, teilweise mit Waldbäumen bepflanzt, welche auch ziemlich gedeihen und mit der Zeit zur Verschönerung Freudenthals beitragen können.
III.
Die Kolonie Freudenthal hat ihre Benennung von einem der ersten Ansiedler, Heinrich Herth, dadurch erhalten, daß er nach einer schwierigen Reise seinen längst ersehnten Niederlassungsort auf einer der Gesundheit sehr zuträglichen Anhöhe des Baraboitales glücklich erreicht hat.
IV.
Ursprünglich haben sich in der Kolonie Freudenthal nur 35 aus dem Königreich Ungarn eingewanderte Familien niedergelassen. Da aber zur Gründung dieser Kolonie von der Hohen Krone auf 78 Ansiedler 5830 Desjatinen Land vorgesehen waren, so langten nach erhaltener Kunde von diesem in Bereitschaft liegenden Lande im Jahre 1807 noch 42 Familien aus Ungarn ein. Die damalige Landesquantität der Kolonie Freudenthal übertraf die der anderen Kolonien des Liebenthaler Bezirks. Deshalb kamen die Kolonisten der Kolonie Großliebenthal bei der Obrigkeit klagbar ein und vermittelst einer in Großliebenthal stattgehabten Amtsversammlung wurde der Kolonie Freudenthal so viel Land abgeschnitten, daß jetzt nur noch 3829 Desjatinen gezählt werden.
V.
Die damaligen Auswanderer sind in keinem Kolonnenzuge wie die meisten Ansiedler, sondern nach eigener Willkür ohne Anführer nach Russland gekommen.
VI.
Die von dem damaligen Gouverneur, Herzog Richelieu diesen Einwanderern zur Niederlassung angewiesene Steppe war bei ihrer Ankunft von niemand besetzt, sondern war meistens ein rohes Hirtenfeld, welches die Tataren früher als Weideland benutzt und nur einen unbedeutenden Teil desselben zu ihrer Nahrung angebaut haben. Die Kolonisten fanden für ihre Aufnahme 20 angefangene Häuser ohne Dach, bestehend aus 4 hölzernen Wänden vor.
VII.
Die Kolonisten der Kolonie Freudenthal, sowie die der anderen Kolonien, wurden mit einer 20jährigen Freiheit von Abgabenzahlungen von der Hohen Krone begünstigt und außerdem zur Einrichtung ihrer Wirtschaften, samt dem auf jede damalige Seele gezahlten Nahrungsgelde, nach durchschnittlicher Berech-nung mit einem unverzinslichen Anleihen von 41 885 Rbl. unterstützt. Ihre vom Ausland mitgebrachten Geldmittel betrugen ungefähr 31 200 Rbl. Weil aber in schon früher angesiedelten Kolonien Kirchen, Pastorate, Windmühlen und dergl. auf Rechnung der Hohen Krone gebaut und von diesen Ausgaben auch auf die Gemeinde Freudenthal, obschon sie ihr Bethaus, Pastorat und Schule und andere gemeinschaftliche Gebäude und Einrichtungen auf eigene Kosten bestritten hatten, 41 886 Rbl. verbaut worden waren, so ist sie auf diese Weise eine Summe von 83 771 Rbl. schuldig geworden.
VII.
Die Ereignisse, welche auf das Schicksal dieser Gemeinde größtenteils einen nachteiligen Einfluß hatten, waren folgende:
Mehrere Feuersbrünste seit dem Bestehen der Kolonie, wodurch außer dem Abbrennen von 10 Häusern ein bedeutender Schaden entstand.
Der starke Eisgang im Baraboitale im Jahre 1831, welcher laut vorhandener Listen in Freudenthal einen Schaden von 1 527 Rbl. verursachte.
Die Überschwemmung desselben Tales im Jahre 1845, wodurch ein Schaden von 262 Rbl. entstand und wobei ein Mann namens Nikolaus Kappel das Leben einbüßte.
Zweimalige Erdbeben. Das erstere im November 1828, das zweite, stärker, im Jahre 1838, welche aber von keinem Nachteil für die Gemeinde waren.
Erkrankte an der Cholera im Jahre 1831 allhier 103 Personen, von denen aber nur zwei gestorben sind.
Mehrere Viehseuchen, Mißernten, Heuschrecken, Käfer und dergleichen Ungeziefer brachten dieser Kolonie manchen bitteren Verlust
IX.
Doch aller solcher Nachteiler Ereignisse ungeachtet, wurde der Wohlstand der Gemeinde in ökonomischer und physischer Hinsicht allmählich immer besser, welche die hiesige Gemeinde nächst Gott, dem höchsten Wohltäter S. Maj. Dem Kaiser Alexander glorreichen Angedenkens und seiner Maj. dem gegenwärtig regierenden Kaiser Nikolai, sowie S. Exz. weiland Hauptfürsorger Herrn General von Inzow und dem Vorsitzenden der Fürsorge-Comität Herrn wirklichen Staatsrat von Hahn, als auch einer Hohen Fürsorge-Comität über die ausländischen Ansiedler und endlich dem treuen Bemühen der jetzigen würdigen Glieder eines löblichen Gebietsamtes zu Großliebenthal zu verdanken hat, wobei auch freilich der Gehorsam der Kolonisten gegen die weise Verordnung der Obrigkeit, ihr Fleiß und ihre Betriebsamkeit nicht zu übersehen sind. Und da dem Mangel an Predigern und Lehrern, der in den ersten Jahren stattfand, abgeholfen ist, so nimmt man auch in moralischer Beziehung mehr und mehr eine Verbesserung wahr.
Im Original haben unterschrieben:
Schulz Jauch Bürgermeister: Forsch, Jäger
Schullehrer: Schweyer Gemeindeschreiber: Joh. Ehnis
Alexanderhilf .
Die ersten Kolonisten wurden im Frühjahr 1805 angesiedelt. Es wurden ihnen zur Bewohnung noch keine Häuser angewiesen. Sie mußten noch in Zelten wohnen, bis ihnen im Laufe des Sommers Häuser gebaut wurden. Sie wurden aber nur aus Holz und Lehm errichtet.
II.
Die Kolonie wurde längs des Baraboiflußes und dicht daran angelegt, welcher das Dorf an einer Stelle auch durchschneidet. Sie ist von der Kreisstadt Odessa etwa 25 Werst entfernt, ihr Bezirk grenzt gegen Osten an Großliebenthal, gegen Süden an die russischen Dörfer Alexandrovka, Ovidiopol und Kalaklei gegen Westen bildet der Dnjestr die Grenze und gegen Norden die Kolonie Neuburg.
Die Eigenschaften des Bodens sind beinah durchgängig ein schwarzer, Salpeter enthaltender, hitziger Grund, der zum Wachstum der Pflanzen gut geeignet ist, insofern der Mangel an Regen, welcher im Frühjahr und Sommer oft Monate lang ausbleibt, nicht hinderlich ist.
In ihrem Bezirk befinden sich auch Steinbrüche, deren Steine zum Bauen brauchbar sind. Zur Zeit der Einwanderung befand sich hier keine Waldung.
III.
Der Kolonie wurde der Name durch Herrn Hofrat Brigonski und dem damaligen Oberschulzen des Liebenthaler Bezirks Brittner, zu Ehren und zum Andenken Sr. Maj. des nun in Gott ruhenden Kaiser Alexander gegeben.
IV.
In der Kolonie wurden anfänglich 66 Familien angesiedelt:
Aus Württemberg 36; aus der Pfalz 3; aus dem Elsaß 3; aus Mähren 1; aus Ungarn 21; aus dem Nassauischen 2; aus Hessen 1; aus Hamburg 1.
Hierzu ist zu bemerken, daß vier von diesen Familien keine Wirtschaft erhielten und daß die aus Ungarn gekommenen Familien erst im Jahre 1807 angesiedelt wurden. * Im Jahre 1817 sind noch weitere Familien ange- kommen (12 aus Württemberg und fünf aus verschiedenen deutschen Provinzen). Sie wurden erst im Jahre 1825 als Kolonisten bestätigt.
V.
Der Hauptanführer der ersten Auswanderer war Herr Kommissar F. Ziegler. Transportleiter waren unter anderen: N. Schopf, N. Kretzinger, Philipp Jäger, Jakob Mühleise, Johannes Faßnacht, Friedrich Becker, Johannes Scherer und August Zimmer.
VI.
Zur Zeit der Ankunft war die Steppe von einem griechischen Schäfer als Weide für seine Herde benutzt, welcher eine Erdhütte zur Wohnung hatte. Zwei weitere Erdhütten waren von Russen bewohnt.
VII.
Als Unterstützung zur Ansiedlung der Einwanderer wurden bei deren Ankunft jeder Familie 365 Rbl. verabreicht, bestehend aus barem Geld 50 Rbl., in Zugochsen, Gerätschaften, Lebensmittel usw. und in einem hölzernen Hause 140 Rbl. Einige Familien haben auch mehr erhalten und zwar im Wert von 500 Rbl. Unter diesen Letzteren sind solche, die von ausgestorbenen Familien verschieden Sachen durch die Obrigkeit erhalten haben.
Auch erhielten die Einwanderer beim Übertritt der russischen Grenze Tage - oder Nahrungsgelder und zwar von den ersten Transporten 80 Kop. die Seele per Tag, von folgenden Transporten aber je länger je weniger, namentlich von den letzten nur noch 10 Kop. pro Tag.
Vom Auslande haben nur wenige Familien Vermögen ins Land gebracht. Wenn auch einige derselben bei ihrer Auswanderung welches gehabt haben, so mußten sie damit auf der Reise armen Mitreisenden aushelfen, und was sie an Vermögen noch ins Land gebracht, haben sie ursächlich mancher Krankheits - und Todesfälle der Ihrigen eingebüßt.
VIII.
Der Kolonie wurde gleich bei der Ankunft der Platz zur Ansiedlung angewiesen, den sie heute noch inne hat.
Seit der Ansiedlung sind durch Feuersbrünste 7 Häuser eingebüßt worden. Überschwemmungen waren zwei, nämlich in den Jahren 1831 und 1845,
jeweils im Februar. Diese Überschwemmungen haben begreiflich großen Schaden angerichtet. Eine beträchtliche Zahl Häuser ist dadurch unbewohnbar geworden, fünf davon sind eingestürzt. Die Schadenslisten wurden bei der höheren Obrigkeit eingereicht. Jedoch hat es bei diesen unglücklichen Naturereignissen kein Menschenleben gekostet.
Wohl hat ohnehin der Baraboifluß infolge des Auftauens im Frühjahr die meisten Jahre seine Ufer mehr oder weniger überschritten und dadurch in den Kellern und Gärten und am Brunnenwasser Schäden verursacht, ohne daß diese Vorfälle als Überschwemmungen gezählt werden können. Erdbeben fanden hier seit der Ansiedlung zwei heftige statt, das erste im November 1828 und das letzte im Januar 1838, welche aber gottseidank keinen größeren Schaden anrichteten.
Von epidemischen Krankheiten waren die Kolonisten teils schon auf der Reise, teils noch in der Kolonie empfindlich heimgesucht. Namentlich in Owidiopol, wo von Michaelis bis Weihnachten 1804 von hiesigen und anderen Kolonisten 366 Seelen gestorben sind. Solche Krankheiten mit ihren Todesfällen im Gefolge dauerten in der Kolonie noch mehrere Jahre lang fort, so daß in den Jahren 1805 und 1806 dieselbe bis auf wenige Personen ausstarb.
Ursache dieser Sterblichkeit waren: Mangel an ordentlichen Wohnungen, indem wie bereits berichtet teils mit Zelten, teils mit Erdhütten zum Bewohnen sich kümmerlich behelfen mußten, wo sie Erkältung und Durchnässung ausgesetzt waren sowie der Mangel an ordentlicher Pflege und den erforderliche Arzneien wie denen, die nicht nach Großliebenthal ins Hospital gebracht werden konnten. Auch die Cholera herrschte im Jahre 1831 in hiesiger Kolonie, woran einige krank waren, aber von hiesigen Kolonisten keiner gestorben ist. Nur der Josephstaler Kolonist Johann Grad, welcher die Krankheit ins Dorf schleppte, wurde ein Opfer derselben. Von Viehseuchen, Fehlernten, Heuschrecken und anderem Ungeziefer ist die Kolonie gleichfalls auch nicht verschont geblieben.
Unterschriften fehlen.
* Bitte vergleichen Sie unter der Überschrift weiter unten: „Eine besondere Reise in die Kolonien und ein Besuch des Zaren.“ … kamen mir einige Hundert Reiter, alle in blauer Montur, entgegen Als sie näher kamen, sah ich mit Verwunderung, daß es Freudenthaler und Petersthaler Bauern waren. Es waren Siebenbürger Sachsen aus Ungarn und sie hatten deswegen die blaue ungarische Nationaltracht an.“
Im Jahre 1846 wurde in Odessa die erste Zeitung in deutscher Sprache für die Kolonisten gegründet. Gründer und Herausgeber war Staatsrat Eugen von Hahn, der 1845 zum Vorsitzenden des Fürsorgekomitees ernannt worden war. Er gründete dieses Monatsblatt einerseits ...
„...aus dem Wunsche heraus, die Kolonien auf ihren jetzigen Zustand aufmerksam zu machen und ihnen zu zeigen, wie sie unter Berücksichtigung der örtlichen Bedingungen ihre Landwirtschaft verbessern und ihren Wohlstand erhöhen können sowie um ihnen ferner eine angenehme und lehrreiche Unterhaltung zu gewähren“ und andererseits auf Anordnung des Ministeriums für Reichsdomänen“.
Die Auflage betrug lediglich 200 Exemplare, also fast gerade so viel wie es damals Kolonien gab. In einem Rundschreiben forderte v. Hahn im April 1848 alle Schulzenämter auf, ihm innerhalb von vier Monaten eine kurzgefaßte Übersicht über Entstehung, Entwicklung und gegenwärtigen Stand der Kolonie einzusenden. Dem Aufruf wurde Folge geleistet und fast alle Kolonien sandten ihre Berichte ein. v. Hahn rief gleichzeitig die Pfarrer und Schullehrer zu Mitarbeit auf und so entstanden aufschlußreiche Gemeindeberichte, die noch heute für die Erforschung der Geschichte der Russlanddeutschen wertvolles Quellenmaterial sind.
v. Hahn wurde allerdings von seinem Posten als Vorsitzender des Fürsorgekomitees und damit auch als Herausgeber des Unterhaltungsblattes abgelöst und an das Ministerium für Reichsdomänen berufen. Sein Nachfolger als Herausgeber des Unterhaltungsblattes wurde H. Sonderegger, ein Kolonistensohn. Unter seiner Leitung wurde nur ein Teil der Gemeindeberichte zwischen 1851 und 1854 veröffentlicht, dann verschwanden sie in den Archiven, um erst wieder zum Anfang dieses Jahrhunderts von Konrad Keller entdeckt und in Auszügen veröffentlicht zu werden. Pastor Jakob Stach, zusammen mit Keller einer der rührigsten Forscher auf dem Gebiet der Erforschung der Russlanddeutschen, wurde darauf aufmerksam und veröffentlichte in mehreren Kalendern und Zeitungen, vornehmlich in der Odessaer Zeitung, viele der Gemeindeberichte. Erst in den Zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts wurden 193 dieser Gemeindeberichte ungekürzt von zwei weiteren Russlandforschern veröffentlicht. Der eine war Georg Leibbrandt, der in den Zwanziger und Dreißiger Jahren intensive Forschungen über die Geschichte der Russlanddeutschen erfolgreich betrieb und mehrere Bücher über deren Ergebnisse veröffentlichte, die unter der Bezeichnung „Sammlung Georg Leibbrandt“ zusammengefasst wurden. Aus zweien davon mit den Titeln „Gemeindeberichte der Schwarzmeerdeutschen 1848“ und „Die deutschen Kolonien in Cherson und Bessarabien“ werde ich im Laufe der Zeit etliche bezeichnende Berichte aussuchen und an dieser Stelle dem interessierten Besucher dieser Webseite vorstellen. Es ist natürlich nicht möglich, alle 200 Berichte hier abzudrucken, ausserdem sind sich viele der Dorfberichte vom Inhalt her sehr ähnlich.
Die ersten Ansiedlungen in dem von den Türken befreiten Gebiet Neurusslands wurden ab 1790 von Mennoniten gegründet, die unter der Bezeichnung „Chortitzer Kolonistengebiet“ in die Annalen der russlanddeutschen Siedlungsgeschichte eingingen. Die eingesandten Berichte sind allerdings sehr umfangreich und dadurch leider nicht geeignet, an dieser Stelle veröffentlicht zu werden.
. Der zweite Forscher, der Gemeindeberichte veröffentlichte, war J.A. Malinowsky mit seinen Werken: „Die deutschen katholischen Kolonien am Schwarzen Meer“ und „Die Planerkolonien am Schwarzen Meer“.
Ab 1804 wurde das Großliebenthaler Gebiet gegründet. Über dieses Gebiet existieren ebenfalls Gemeindeberichte, die meines Wissens nur zwei Mal veröffentlicht wurden. Zum ersten Mal im schon beschriebenen „Unterhaltungsblatt für deutsche Ansiedler im südlichen Russland“ und zwar im dritten Jahrgang Januar bis April 1848,. Die zweite Veröffentlichung findet sich in dem Band der Sammlung Leibbrandt: „Die deutschen Kolonien in Cherson und Bessarabien“. Aus diesen beiden Veröffentlichungen, die allerdings in ihren Texten etliche Unterschiede aufweisen, werde ich im Laufe der Zeit einige Berichte herauspicken und hier zum dritten (?) Mal in allerdings gekürzter und aus beiden Texten zusammengesetzter Form veröffentlichen.
Eine besondere Reise in die Kolonien und ein Besuch des Zaren.
Im Jahre 1808 machte sich ein Schäfereimeister aus Sachsen mit 200 Schafen auf die lange Reise nach Russland. Sein Reiseziel war das Gut eines Deutschen, dem Prinzen Ulrich von Württemberg, nahe Karlsthal im Odessaer Gebiet. Über die Reise und seinem Leben in Russland bis zu seinem Tod im Jahre 1869 führte er akribisch ein Tagebuch, das sein Sohn im Nachlass seines Vaters fand und zu einem Buch verarbeitete. (Eduard Doering: Aus den Memoiren meines Vaters Friedrich Doering, eines nach Russland gesiedelten Sachsen. 1903) Es folgt ein kurzer Auszug daraus, der die deutschen Kolonien betrifft, die sich damals in der Aufbauphase befanden
…Die freie und offene Steppe, ohne Felder, daher auch ohne Dörfer. Hier schien gleichsam die Welt Ende zu sein. Unsere Richtschnur nahmen wir direkt auf Odessa zu und wollten in ein großes Tal Namen Kutschurgan, welches sich nach Odessa zu zog und zwölf Meilen lang sein sollte. Auf diese Auf diese Marschroute hatte uns der Verwalter Schellenberg aus Karlsthal schriftlich verwiesen, weil wir daselbst Wasser vorfinden würden. Nachdem wir zwei Tage lang gegangen waren und dabei keine Menschenseele antrafen, geschweige denn ein Dorf, so kamen wir an das große Tal Kutschurgan.
Jetzt schien es, daß es nicht mehr weit bis an unseren Bestimmungsort Karlsthal bei Odessa war. Der Monat Oktober ging seinem Ende zu und was uns zuletzt die Reise am beschwerlichsten machte, war, daß um diese Zeit viel Regenwetter einfiel, die Straße daher schlecht wurde, zumal hier schwarze Erde ist, welche wie Vogelleim anklebt. Denn jede Nacht unter freiem Himmel zu nächtigen, welche schon lang und kalt waren, versetzte und in einen Zustand, bei welchem wir zuletzt auch den Entschluß, eine solche Reise zu machen, hundertmal verwünschten.
Nach mehreren Tagen kamen wir an das Ende des Tales, welches sich in eine Ebene verlor und am Ausgange desselben ein Dorf lag. Als wir und hier erkundigten, wie weit es noch bis Karlsthal war, wurden wir auf eine an der Straße gelegene deutsche Kolonie verwiesen. Uns kam es allen etwas sonderbar vor, hier ein deutsches Dorf zu finden. Wir hatten noch nicht gehört, daß in der Nachbarschaft von Odessa viele deutsche Dörfer sind. Bis jetzt glaubten wir, in dieser Gegend die einzigen Germanen zu sein.
Wir kamen zu dem deutschen Dorf, welches erst gebaut wurde und Elsaß benannt wurde. Die Leute wohnten noch in Hütten und es war recht kurios zu sehen, so viele Häuser, es waren wohl an die sechzig, auf einmal bauen zu sehen, denn fertig war noch keines von ihnen.
Hier erfuhren wir vom Inspektor, der uns erwartet hatte, daß es noch etwa sechzig Werst bis Karlsthal waren und mietete uns zum Wegweiser einen Kolonisten und fuhr dann voraus.
Der deutsche Mann kam mir sonderbar vor, indem ich ihn kaum verstand, es war ein Schwabe. Mit seiner Hilfe kamen wir wohlbehalten in dem längst ersehnten Karlsthal an.
Der zweite Auszug betrifft ein Ereignis, das für die deutschen Kolonisten eine besondere Bedeutung hatte. Es war der Besuch des Zaren Alexander I. im Jahre 1821. Friedrich Doering war in in Karlsthal geblieben, hatte geheiratet und war als Schafmeister Herr über viele Hundert Schafe. Er hatte inzwischen noch zwei Mal Schafherden aus Deutschland geholt und war ein angesehener Mann geworden. Er beschreibt in seinen Memoiren diesen Besuch des Kaisers auf seine Weise:
… Im Monat April des Jahres 1821 war in Tiraspol, einem Städtchen am Dnjestrfluß ein Militärlager von 30 000 Mann zum Manöver zusammengezogen und alles Militär aus Odessa und der Gegend um Cherson zog über unsere Steppe dahin. Der Zar wurde zu demselben erwartet. Seit acht Tagen schon hörte man hörte man den Kanonendonner und das dauerte ganze vierzehn Tage hindurch.
Eines Tages, wie der Kanonendonner besonders stark war, berief mich der Verwalter Schellenberg zu sich und ließ einige Schafe zur Poststation treiben, welche nur sieben Werst entfernt war, indem an diesem Tag der Kaiser aus Tiraspol nach Odessa fahre und vielleicht beim Pferdewechsel an dieser Station die Schafherden ansehen würde.
Nachdem ich die Schafherden dahin geschickt hatte, ritt ich auch selbst auf die Landstraße und als ich noch zwei Werst von der Station entfernt war, kamen mir einige hundert Reiter, alle in blauer Montur, entgegen. Als sie näher kamen, sah ich mit Verwunderung, daß es Freudenthaler und Petersthaler Bauern waren, welche dem Kaiser entgegen ritten. Es waren Siebenbürger Sachsen aus Ungarn und sie hatten deswegen die blaue ungarische Nationaltracht an. Sie wollten ein wenig in Reih und Glied reiten, aber ihre gut genährten Pferde schlugen und bissen sich und hatten voreinander Furcht. Der Schulze von Freudenthal machte den Kommandeur und ritt voran.
Vor der Poststation waren einige tausend Menschen aus der Umgebung versammelt, welche alle den Kaiser sehen wollten. Hätte ich das gewußt, so wäre ich hierher gefahren, denn ich hatte damals schon wieder ein gutes Fuhrwerk, und hätte meine Frau mitgenommen.
Ungefähr in der dritten Stunde am Nachmittag, nachdem die Zeit allen lange werden wollte, kam endlich eine Kutsche von der Anhöhe herunter, welcher die deutschen Bauern voranritten. Es stiegen zwei Herren aus dem Wagen und ich brauchte nicht zu wählen, welcher der Kaiser war, denn sein hoher, schlanker Wuchs und sein gravitätischer Gang ließ ihn mich gleich erraten, zumal ich ihn im Gesicht sehen konnte, denn abgemalt hatte ich ihn wohl schon hundertmal gesehen.
Viele Frauen aus Freudenthal und Petersthal und anderen Kolonien standen auf einem Platz versammelt. Der Kaiser ging auf sie zu und frug, wie es ihnen hier gefiele, ob sie eine gute Ernte gehabt und gesund wären. Eine von diesen Frauen, welch alle überragte, führte für alle das Wort.
Diese Frau war beherzt und offerierte dem Kaiser, daß viele Menschen auf der Herreise zu Schiffe auf der Donau gestorben wären und jetzt noch viele im Lazarett in Ovidiopol sterben würden. Es war auch wahr, die Schiffe waren zu sehr überfüllt und dadurch und wovon ganze Schiffe ausgestorben sind. Auch erzählte diese Frau dem Kaiser, daß sie das von der Krone ausgesetzte Tagesgeld nicht gehörig bekommen. Der Kaiser erwiderte: „ Liebe Leute, Ihr hättet nicht zu Wasser hierherkommen sollen. Ihr müßt nur Geduld haben, es wird schon in allem besser werden, denn jeder Anfang ist schwer.“ Zuletzt frug der Kaiser. wo sie aus Deutschland her wären. Jetzt hätte man die Weiber hören sollen: eine schrie aus Württemberg, eine andere Bayern, die dritte Elsass, die vierte Ungarn usw.
Jetzt drängte sich unser Schellenberg hinzu und überreichte dem Kaiser ein Papier, worauf lauter Wollproben aufgeklebt waren und zeigte auf die Schafherden, wenn es Seiner Majestät gefallen möge, dieselben anzusehen mit der Bemerkung, daß dieselben dem Prinzen Eugen von Württemberg gehörten. Der Kaiser machte das Papier auseinander , sah die Wollproben an und beobachtete dann die Schafherden zur sein kleinen Perspektiv. Darauf kehrte er um und ging zum Wagen zurück.
Der Schulze aus Freudenthal rief ein Vivat aus, es lebe der Kaiser Alexander Pawlowitsch, da aber niemand nachschrie, so dachte ich, es wäre besser gewesen, er hätte sein Maul gehalten, denn dem Volke lag nichts am Schreien, sie hatten genug mit dem Sehen zu tun, weil doch niemand nach Hause gehen wollte, ohne den Kaiser gesehen zu haben. Es war auch ein schöner Mann, vielleicht der schönste seiner Zeit.
Wie der Kaiser abfuhr, lüftete er seinen Tschako und nun rief ihm ein jedes sein Lebewohl nach.
Örtliche Beschreibung des Liebenthaler Kolonistenbezirks und einige Worte über die hiesigen Ansiedlungen überhaupt.
In den Jahren 1804-06 wurde auf allerhöchste Verordnung am südlichen Ende des Chersonschen Gouvernements am Steppenfluß Akerschi zur Gründung einer deutschen Kolonie geschritten und von der Krone zur Aufnahme der Ankömmlinge, welche schon im Spätjahr im Hafen von Odessa vom Ausland her erschienen, in der Stadt selbst aber Winterquartier hielten, Häuser erbaut.
Das Land, worauf die Kolonie gegründet wurde, gehörte, was einige Alten behaupten, dem ehemaligen Grundbesitzer Baraboi und war bei der Ansiedlung unbewohnt und öde. Verschieden Sträucher und wildwachsende Ulmen wurden angetroffen. Der Boden war reich an Gras und Kräutern.
Die Kolonie Großliebenthal ist von der Kreisstadt Odessa 18 Werst entfernt, grenzt 12 Werst nordwestlich an die Kolonien Josephstal und Mariental und 7 Werst westlich an die Kolonien Alexanderhilf und Neuburg. 12 Werst südlich ist das Schwarze Meer. Gegen Südosten wird die Kolonie von der 5 Werst entfernt liegenden griechisch-militärischen Ansiedlung Alexandrowka und gegen Osten von der Kolonie Kleinliebenthal begrenzt, das ebenfalls 5 Werst entfernt ist.
Die ganze Oberfläche des Landes, besonders aber die Täler enthalten bedeutende Schichten Dammerde, worauf verschiedene Getreidesorten wie Weizen, Gerste, Roggen, Hafer und verschiedene Hülsenfrüchte und Wurzelgewächse gedeihen und der Weizen bei günstiger Witterung das 30, der Hafer dass 40 und Gerste das 50fache abwerfen. Steinbrüche, die ungefähr 5 Werst vom Dorfe entfern liegen und von keiner großen Bedeutung sind, indem sie nur harte Brocksteine enthielten, sind vorhanden. Die meisten Steine, welche die Kolonie bedarf, werden gekauft.
Wälder sind hier keine vorhanden, nur eine im Jahre 1842 angelegte Waldanlage, , die zur Zeit ihres Wachstums einen erfreulichen Anblick gewährt und eine früher angelegte Maulbeeranlage, nahe am Dorf liegend. Eine zweite Anlage findet sich eine Werst östlich vom Dorf entfernt.
Oft bleibt im Sommer der Regen 6 – 8 Wochen aus, so daß sich die Erde mit einer wasserdichten Kruste überzieht und nach einem Platzregen der nach anhaltender Dürre zuweilen stattfindet das Wasser nicht in die Erde dringen kann, sondern von der größeren Hälfte dieser Gegend in diesen zwei Haupttälern sammelt und eine Überschwemmung verursacht.
Am verheerendsten sind die sogenannten Eisgänge. Wenn nämlich in den Winter-monaten - schnelles Tau - oder Regenwetter einfällt, so daß die nur auf der Oberfläche angetaute Erde das Wasser nicht mehr aufnehmen kann, so werden durch die Gewalt der Strömung die im Flußbett befindlichen gewaltigen Eismassen aufgehoben, schieben sich aufeinander und reißen alles, was sich in den Weg stellt, mit sich.
Der Ursprung der Benennung der Kolonie ist der außerordentlichen Lage zu verdanken, welche dem Gründer der Kolonie, dem damaligen Stadtbefehlshaber von Odessa, Herzog von Richelieu dermaßen wohl gefiel, daß er derselben den Namen „Groß-Liebenthal“ gab.
Wieviel Familien namentlich bei der Gründung der Kolonie angesiedelt wurden, ist unbekannt. Soviel ist aber bewußt, daß ursprünglich aber nicht so viel Wirte als gegenwärtig hier sind. Die Ursache davon ist, daß eingewanderte Ausländer im Jahre 1817 von den Kolonisten hier aufgenommen wurden und dieselben zum Teil von ihrem Land, das sie von der Krone erhalten hatten, einräumten. Bei der letzten Revision befanden sich hier 217 Familien.833 männliche und 856 weibliche Seelen. Gegenwärtig sind es 289 Familien,1086 männliche und 1100 weibliche Seelen. Die Einwanderer, die sich hier niedergelassen haben, kamen aus Württemberg, Baden, Rheinbayern, Elsaß, Preußen und Sachsen.
Der Anführer der Partien, die hier angelangt sind, war der damals kaiserlich russische Ansiedlungskommissär, Herr Ziegler.
Die Steppe, die die den Ansiedlern zur Niederlassung angewiesen ward, war bei ihrer Ankunft von einigen Eingeborenen bewohnt, die in elenden Hütten sich aufhielten und ein ungeordnetes Leben und Wirtschaftswesen führten.
Die Krone ließ, wie oben bemerkt wurde, für die Eingewanderten Häuser erbauen und versah dieselben nicht bloß mit Tage – oder Nahrungsgeldern von der Grenze an bis zum Ansiedlungsort, sondern ließ denselben auch noch einen verhältnismäßigen Vorschuß verabfolgen und kaufte Vieh und Ackergeräte an.
Die ersten Einwanderer waren größtenteils unbemittelte Leute. Manche waren auch unsittlich und roh, denen es an Verstand, Überlegung und an Mittel fehlte, um zu ihrem und ihrer Nachkommen Wohl eine Ansiedlung vorteilhaft begründen zu können. Und wenn auch einzelne eine Ausnahme machten,, so war ihre Anzahl doch zu gering, um auf das Ganze Einfluß zu üben.
Auch muß bemerkt werden, daß das Land den Auswanderern bei ihrer Ankunft nicht so wohl gefiel als sie es erwarteten. Die beschwerliche Reise, das neue und ungewohnte Klima, die öde und menschenleere Steppe machte, daß viele Heimweh bekamen, andere dem Siechbette anheimfielen und elend starben. Wieder andere durch Wohlleben, übermäßigem Genuß fetten Hammelfleisches und Genießen süßen, griechischen Weines ihren Schmerz zu vertreiben suchten.
Aber, fragen wir nun, wie erging es auch den ersten Ansiedlern vor 44 Jahren?
O, nicht so gut als ihren Nachkommen jetzt. Nachdem die Niederlassung begründet worden war, sollten sich die Ansiedler an die Bebauung des Landes gewöhnen, welche sie zum Teil gar nicht verstanden, indem sie die Landwirtschaft in ihrem Vaterland weder erlernt noch betrieben hatten, sondern größtenteils als Handwerker hier ankamen.
Einige kamen hier schon im Jahre 1803 an und wurden unter Zelten und in der Eile aus Fachwerk bereiteten Hütten beherbergt, bis in der Jahren 1804-1806 auf Kosten der Hohen Krone für jede Familie ein Haus von Erdziegel aufgeführt und das Notwendigste an Feld – und Hausgeräten, Brot – und Saatfrucht auf Rechnung der angeliehenen Kronsschulden bereit war. Von der Grenze bis zur völligen Übernahme von Wirtschaften wurden den Leuten auch Tages .oder Nahrungsgelder der nicht zurück zu erstattenden Kronsgelder geschenkweise ausbezahlt.
Die fehlerhafte Anlage der der Dörfer wird dadurch bestätigt, weil die beiden größten und dem Ansiedlungegebiet den Namen gebenden und auch größten Gemeinden um der Quellen willen, welche der Akerschi in seinen Mündungen darbietet, an die äußersten Grenzen verlegt und dann noch in der Nähe desselben noch andere Gemeinden angesiedelt, so daß die Ländereien der Kolonien Großliebenthal und Kleinliebenthal, die ein Drittel des ganzen Gebietes bilden, in schmalen Streifen bis 20 Werste vom Dorfe hinausgedrängt wurden.
In Großliebenthal beging man noch den Fehler, rings um das Dorf herum gegen 900 Desjatinen zu Gärten zu nehmen, während die Bauernhöfe selbst zum Teil nur 11 Faden Breite erhielten und zur Viehweide nur ein schmaler Streifen Landes übrigblieb, welches durch das vier bis sechsmalige Treiben des Viehs auf die Weide und zur Tränke einer Heerstraße ähnlich geworden ist und begreiflicherweise kaum während einiger Monate notwendige Weide gewährt.
Ebenso unpassend sind die Felder verteilt, so daß jeder Wirt bis 15 Stücke hat, während es vorteilhafter wäre, das Feld in 4 oder 5 Stücke zu haben. Oft trifft es sich, daß ein Landmann mehrere Taglöhner nimmt, um seine Ernte zu beschleunigen. Durch das Hinausfahren gehen einige Stunden verloren, das Feldstück kann aber in vollen Tagewerken nicht beendigt werden oder es wird einige Stunden vor Abend beendigt und es geht wieder ein viertel oder halber Tag verloren. Welche Zeitversäumnisse aber durch das !Heimfahren des Getreides erwachsen und welcher Verlust deshalb durch das Ausfallen des Getreides entsteht, läßt sich leicht berechnen. Oder aber, man übernachtete draußen.
Ein zweiter Hauptfehler lag in der Einteilung der Bauplätze. Man baute ganze Straßen in Niederungen, wo sie Überschwemmungen ausgesetzt und jedenfalls die Wohnungen ungesund sind, während in der Nähe höher und vorteilhaft gelegene Plätze zu Gärten oder anderen Zwecken verwendet wurden.
Die Ansiedler, von denen die wenigsten in ihrem Vaterlande Ackerbauern gewesen waren, wußten das ihnen auf jede Familie zu 60 Desjatinen zugeteilte Land so wenig zu schätzen, daß sie dasselbe mit den landlosen Handwerkern und Tagelöhnern freiwillig teilten, so daß sie jetzt (im Jahre 1849) nicht einmal mehr als 59 Desjatinen auf die Wirtschaft besitzen.
Wie es mit dem Betriebe der Landwirtschaft ausgesehen haben mag, läßt sich aus obigem und daraus schließen, daß nur in der Nähe der Dörfer einiges Feld geackert und etwas Heu gemacht, das meiste Feld aber nicht einmal zur Viehweide genutzt, sondern jedem preisgegeben wurde.
In sittlicher Beziehung sah es womöglich noch schlimmer aus. Bei den Wahlen der Dorf und Bezirksältesten wurde meistens nur auf Reichtum und Redefertigkeit gesehen, ohne das Benehmen der Gewählten auch nur von Ferne zu berücksichtigen.
Zu Schreibern wurden untaugliche Schullehrer oder verabschiedete Beamte oder verdorbene Handwerker angestellt und durch dieselben in Gemeinschaft mit den Vorstehern der Kolonien die Sittlichkeit der Gemeinden vollends untergraben. Die Amtshandlungen und Amtsversammlungen wurden oft mit Trinkgelagen beschlossen. Durchreisende Beamte gaben oft Vorwand und Veranlassung zu Gelagen auf Rechnung der Gemeinden, welche dann ihrerseits für berechtigt hielten, dem Beispiele der Beamten zu folgen und Zeit und Geld zu verprassen. Sehr viele Ungerechtigkeiten wurden so von der Ortsobrigkeit und den Aufsehern ausgeübt, indem sie, den Eid der Diensttreue brechend, nach Gunst handelten und um Geschenke willen das Recht verdrehten.
Mancher wird sich nun fragen, konnte die Behörde nicht zum Besten der Ansiedler eingreifen und durch Strenge bewirken, was Nachsicht und Vertrauen nicht bewirkten?
Die Obrigkeit ließ es an Ermahnungen, Warnungen und Strafen nicht fehlen, aber weil die Aufseher und Ältesten der Kolonien meistens selbst Leute von zweideutigem Rufe waren, so blieben solche Bemühungen erfolglos.
Auf Verfügung der Obrigkeit wurde etwa 1815 die gegenwärtig noch vorhandene Maulbeerbaumanlage angelegt und einige Jahre danach Weinreben. Darauf jedoch hielten die Kolonisten so wenig, daß schon in den folgenden Jahren die Vieherden hineingetrieben und das Begonnene somit wieder zerstört wurde. Erst im Jahre 1822 wurden diese Pflanzungen wieder neu angelegt und gegen das Eindringen von Vieh geschützt.
Von dem Zeitpunkte an, da die Vorgesetzten in Sitten und Wirtschaftsführung mit gutem Beispiel vorangingen, Körperstrafen nur noch für Verbrechen anzuwenden, wirtschaftliche Lässigkeiten aber zuerst mit Verweisen, erst später mit Geld – oder anderen verhältnismäßigen Strafen belegen, gingen die Kolonien in ihrer Verbesserung in jeder Hinsicht schnell entgegen.
Öftere Fehlernten, große Verluste durch Viehsterben, Heuschrecken, Hagel, Raupen, Käfer machten die Ansiedler aufmerksam auf ihre Lage und gereichte manchem zum Besten. Im Jahre 1824 trat eine gänzliche Fehlernte ein, dazu kamen im gleichen Jahre Heuschreckenschwärme, die bis zum Jahre 1827 gräßliche Verheerungen anrichteten. Durch diese Heimsuchungen verfielen die Kolonisten wieder in ihre vorige Armut und Schulden.
Das Jahr 1833 ward ein gänzliches Mißjahr, wodurch sich die Kolonisten genötigt sahen, abermals Schulden zu machen. Viele Familien kamen dadurch wieder in gänzliche Armut und hatten jahrelang zu tun, um sich wieder zu erholen.
Hierauf schenkte Gott wieder bessere Zeiten. Reiche Ernten, rasche Absetzung der der Erzeugnisse zu hohen Preisen in der nahe liegenden Handelsstadt Odessa bezweckten, daß die Kolonisten nicht nur ihre Schulden bezahlen, sondern auch Vorräte ansammeln konnten.
In diesen gesegneten Zeiten hat sich hatte sich unter vielen wieder der Verschwendungsgeist eingeschlichen und auf die Verbesserung der Wirtschaften wurde wenig geachtet. Freilich gab die damalige Obrigkeit viel Ursache dazu, daß mancher Kolonist sein Vermögen verpraßte oder auf schlechte Weise durchbrachte, indem sie zur Steuerung eines solchen Unwesens keine entschiedene Maßnahme ergriff, weil sie selbst dem Trunke ergeben war und sogar ihre eigenen Wohnungen zu Weinschenken eingerichtet hatten.
Diese keineswegs erfreuliche Schilderung des früheren Zustandes des liebenthaler Bezirks insbesondere und der Odessaer Ansiedlungen überhaupt mag manchem übertrieben, andern auch die Ursache befremdend erscheinen, warum diese Schattenseiten so stark hervorgehoben werden. Aber ohne dieselben kann man sich nicht erklären, erstens warum unsere Ansiedlungen nicht auf einer höheren Stufe der Sittlichkeit und des Wohlstandes stehen und zweitens auch nicht begreifen, daß dieselbe dennoch in kurzer Zeit wirklich große Fortschritte gemacht haben.
Gott sei gelobt, daß dieses Unwesen von keiner langen Dauer sein durfte. Im Jahre 1841 kam eine neue Bezirksverwaltung, welche hierselbst ihren Sitz hat , an das Ruder und die aus Männern bestand, welche auf das Wohl ihrer Mitbürger bedacht waren. Auch die Dorfältesten waren nicht mehr vom Gelichter der Vorigen.
Durch strenge Aufsicht der neuen Obrigkeit, durch deren scharfe Züchtigung der Liederlichen und Trunkenbolde wurde die vorige Rohheit und das unsittliche Leben ziemlich unterdrückt und an deren Stelle wieder Ordnung und Sittlichkeit einzuführen versucht*.
Molotschansker Beobachter. Zum Zeitvertreib der die Wahrheit liebenden Leser. Herausgegeben im August 1818 . Molotschansker Beobachter. Zweite Ausgabe. Herausgegeben im September 1818
Der heutige Zustand der Kolonie (1848) liest sich folgendermaßen.
Fährt man auf dem Postwege von Odessa nach Großliebenthal, so findet man beim Eintritt auf die Kolonialländereien den Postweg auf beiden Seiten mit Gräben und auf dem Walle derselben lebendige Hecken angelegt. Bald erblickt man die durch kaiserliche Freigebigkeit prachtvolle Landkirche und übersieht beinahe das ganze Dorf mit seinen Gebäuden und Anlagen, die meist mit Vorrat bedachten Dreschplätze und Heuschober geben einen deutlichen Begriff von dem Betriebe des Ackerbaues und lassen auf den nun erworbenen Wohlstand der Einwohner schließen.
Von welcher Seite man jetzt in die Kolonie eintritt, wird man überrascht durch den Anblick der regelmäßig und schön gebauten, inwendig mit viel Aufwand ausgestatteten und bequem eingerichteten Häusern, die mit reinlichen Höfen, geräumigen Stallungen und gewölbten Kellern umgeben sind. Man empfindet es lebhaft, daß man unter Deutschen lebe, die ihre frühere Heimat gerne nachbilden möchten.
Daß die Kolonisten nach dem Wunsche der Obrigkeit ihre Wirtschaften so gut einrichten konnten, kommt von ihrer weitumfassenden Betriebsamkeit in der Wirtschaft und der Viehzucht her, die ein sehr nützlicher Zweige des Erwerbs ist. Zu diesem Umtrieb trägt namentlich der Vorteil bei, daß die hiesigen Kolonisten viel Land pachten von der griechisch – militärischen Ansiedlung Alexandrowka, die sich mit Ackerbau sehr wenig beschäftigt. Es gibt Wirte, die jährlich 100 bis 400 Desjatinen Land pachten und das Land bis zur Hälfte mit Getreide besäen. Andere haben wieder weniger gepachtet. Die großen Heuschober und Getreideschober, die man in fast allen Höfen erblickt, geben einen deutlichen Begriff von dem Betriebe des Ackerbaus.
*Vergl.: Ähnliche Zustände an der Molotschna zur selben Zeit. S. im Archiv: Molotschansker Beobachter. Zum Zeitvertreib der die Wahrheit liebenden Leser. Herausgegeben im August 1818. Molotschansker Beobachter. Zweite Ausgabe. Herausgegeben im September 1818.
Kirche .
Was die Blicke des Ankommenden am meisten anzieht, ist die prachtvolle Landkirche, welche das ganze Dorf mit seinen Gebäuden und Anlagen überragt. Sie ist ein Meisterstück der Baukunst, entzückt uns deren Inneres noch mehr, indem man sieht, wie achteckige Säulengewölbe, die mit vielen Fenstern versehene Emporkirche tragen, wie ein ehrfurchtgebietendes Rundgewölbe sich über dem Altar erhebt. Die schöne Orgel mit ihren reinen Tönen, die das Gemüt zur Andacht stimmt, hat 14 Register. Sie erfreut den Wanderer um so mehr, weil es in Südrussland noch wenige solcher Werke gibt.
Neben der Kirche steht das Pfarrhaus, ein schönes, mit mehreren verschiedenen Zimmern eingerichtetes Gebäude, an welches sich zwei Nebengebäude anschließen.
Links neben dem Pfarrhaus ist das Schulhaus, das zwei Säle für die Schulkinder und vier kleine Zimmerchen nebst Küche für den Schullehrer enthält. Es wäre sehr zu wünschen, daß hier bald noch ein Schulhaus erbaut und noch ein Lehrer angestellt würde, weil dieses zu klein ist, um alle Schulkinder aufzunehmen.
Der anfängliche Zustand der Schulen war wenig erfolgversprechend. Zum Schullehrer z.B. konnte jeder bestellt werden, der notdürftig lesen, einige Zeilen schreiben und einige Kirchenmelodien herleiern konnte sowie womöglich weniger Besoldung verlangte als ein Viehhirt.
Die Gemeinde Großliebenthal z.B. ließ sich mit einer Hütte, welche zur anfänglichen Wohnung für den Schullehrer eingeräumt worden war, bis zum Jahre 1827 als Schulhaus begnügen. Das Schulzimmer für die schulfähige Jugend hatte höchstens 10 Geviertfaden Fläche und an Schreibtische, Schreibtafeln, Lesetabellen und Schulbücher war nicht zu denken und wenn vor 15 oder 20 Jahren noch ein Schullehrer danach fragte oder gar verlangte, daß die Kinder zum regelmäßigen Besuch der Schule angehalten werden sollten, so wurde er von geistlichen und weltlichen Vorgesetzten mit Achselzucken abgewiesen, von den Dörfern aber als Narr verlacht.
Aber auch hier wendete sich vieles zum Besseren und die Dorfbewohner mußten auf Druck der Obrigkeit einsehen, daß gewisse Schreib, Rechen und Lesekenntnisse von Vorteil sein können, denn mit fortschreitendem Wohlstand verbreiteten sich Zeitungen, Kalender und auch Bücher unter den Dörfern Südrusslands, die vorwiegend Artikel zur Verbesserung der Landwirtschaft enthielten und den Bauern mit Lesekenntnissen nur Vorteile verschaffen konnten.
Bis jetzt, im Jahre 1848, hat sich mit Ausnahme einer Kolonie im Großliebenthaler Gebiet jede Kolonie ein Schulhaus erbaut und außer der Kolonie Josephsthal, die ihrem Lehrer nebst dem Getreide nur noch 63 Rubel Silber Jahresgehalt gibt, sind die Gehälter der Schullehrer verhältnismäßig erhöht und die Schulen werden allmählich verhältnismäßig besser eingerichtet und dank der Maßregeln der Regierung wenigstens zur Winterszeit von den Kindern regelmäßig besucht.
Die Lehrerstellen werden jetzt nur mit musterhaften Männern besetzt. Doch ist in einigen Gemeinden die Anzahl der Schulkinder so groß, so daß die Schulen notwendig getrennt und zum Beispiel in der Kolonie Großliebenthal, wo 425 Kinder die Schule besuchen, an Stelle des einen Lehrers derselben vier angestellt werden sollen und noch von Gehilfen unterstützt werden sollen. In den zwölf Dörfern des Gebietes zusammen sind 822 Knaben und 807 Mädchen, in allem 1629 Kinder, welche von 12 Lehrern unterrichtet werden. Diese Lehrer erhalten zusammen 1557 Rubel Silber Jahresgehalt.
Ungeachtet dieser mangelhaften Einrichtung der Schulen lernen viele Kinder doch ihre Muttersprache geläufig lesen und schreiben, ziemlich fertig rechnen und die Kirchenmelodien singen.
Unterhalb des Pfarrhauses von Großliebenthal ist die erst im Jahre 1843 von den Kolonisten Sonderegger und Utz in Gemeinschaft mit dem Ausländer Fokker begründete Wasserheilanstalt, welche schon 85 Kurgäste zählte und zur Verschönerung der Kolonie, zur Hebung des Wohlstandes der Einwohner vieles beiträgt. Auch ist dieser Kolonie der Vorteil dargeboten, an Herrn Fokker einen tüchtigen Wundarzt zu besitzen. Mögen die Einwohner ihren eigenen Vorteil nicht verkennen und ihrerseits auch zur Hebung der Anstalt und Einrichtung des Dorfes zum Kurorte beitragen.
Kein Ort im ganzen Gouvernement Cherson eignete sich so passend für eine Wasserheilanstalt wie Großliebenthal. Die schöne Lage, das große, mit jetzt 2 300 Seelen bevölkerte Dorf, welches einen Überfluß an Lebensmitteln darbietet, die reichlichen Quellen, welche dem Akerschi entströmen, reine Luft, Spaziergänge in den bedeutenden Gemeindeanlagen, im Dorfe selbst eine protestantische, vier Werst davon in Kleinliebenthal eine katholische Kirche, 5 Werste entfernt im Dorfe Alexandrowka eine griechische Kirche, neben der Kolonie Kleinliebenthal das Bad im Salzsee, dies alles sind große und wichtige Vorzüge dieses Kurortes.
Dieser Bericht, der hier gekürzt wiedergegeben wurde, soll mit einigen statistischen Angaben über den Liebenthaler Bezirk aus dem Jahre 1847 beendet werden (G.W.):
Unter den vorhandenen 1144 Wohnhäusern sind 1076 von Stein erbaut, 46 gestampfte und 12 von Fachwerk. Die Dächer sind meistens mit Schilfrohr bedeckt, wenige mit Stroh und einige mit gebrannten Ziegeln.
Unglücksfälle: Im Jahre 1847 sind Menschen umgekommen:
Durch Feuer 2 Kinder, davon starb eines drei Wochen, nachdem es sich am Licht die Kleider angezündet hatte.
Durch den Sturz vom Wagen ein Kind und ein Erwachsener.
Durch den Fall in einen Brunnen 1 Kind.
Durch Blitz erschlagen, 1 Erwachsener.
Selbstmord fand einer statt infolge einer vernachlässigter Erziehung und eines lasterhaften Lebenswandels.
Verheerungen haben stattgefunden:
Durch Feuersbrunst Schaden im Betrage von 395 Rubel, Heuschrecken 7473 Rubel, Raupenfraß an Bäumen 2115 Rubel und Käfer 5796 Rubel.
Viehsterben:
Pferde sind gefallen 247, Rindvieh 408, Schafe 859, Schweine 131.
Landwirtschaftliche Geräte:
Die Ansiedler dieses Gebietes besitzen: 1440 Pflüge, 1932 Eggen, 1770 Wagen, steinerne Dreschwalzen, Häckselmaschinen, die mit Pferdekraft betrieben werden 2.
Gewerbe und Handwerker:
Töpfereien 4, Ölmühlen 10, Kalkbrennereien 1, Windmühlen 40, Pferdemühlen 20 (Im Anfang der Ansiedlung war jahrelang keine Windmühle vorhanden und die armen Weiber mußten das Getreide auf Handmühlen mühsam mahlen. Jetzt wird auf diesen 60 Mühlen für viele Einwohner der benachbarten Ortschaften und sogar der Stadt Odessa Getreide gemahlen.). Damit beschäftigen sich 90 Arbeiter und verdienen im Jahr zusammen 2 800 Rubel.
In den Kolonien selbst befinden sich:
12 Zimmerleute, 20 Tischler, 7 Faßbinder, 14 Wagner, 2 Gerber, 2 Töpfer, 1 Weber, 6 Fleischer, 25 Schmiede, 31 Müller, 25 Maurer, 2 Sattler, 2 Bäcker, 9 Schlosser, 4 Schäfer, 10 Gärtner, Ölmüller 9, Drechsler 2, Siebmacher 1, Schuhmacher 43, Schneider 23, verschiedene Handwerker 5. Alles in allem 256.
Im Jahre 1847 sind Kolonistenknaben zur Erlernung verschiedener Gewerbe auf Lehrkontrakte abgegeben worden:
Tischler 2, Wagner 2, Fleischer 1, Schmiede 2, Schuhmacher 9, Schneider 1, Bäcker 2, Schlosser 1, Buchbinder 1.
Großliebenthal , den 15. Juli 1848 Schulz Chr. Hartmann
Hier endet der Gemeindebericht von Großliebenthal, der um Einzelheiten aus dem „Unterhaltungsblatt“ erweitert wurde, um verbindlich aus damaliger Sicht und Schreibweise darzustellen, wie schwierig die Anfangszeit der Ansiedlung unserer Vorfahren war.
Diese Berichte aus dem Großliebenthaler Gebiet könnten noch weiter fortgesetzt werden.
Die Gemeindeberichte von Neuburg, Glückstal, Bergdorf, Neufreudenthal u.a. sind jedoch so umfangreich und detailreich verfaßt, daß es den hier verfügbaren Platz sprengen würde.
Wer sich von den Besuchern dieser Webseite für die weiteren Dörfer interessiert, findet die Berichte in dem Buch von Georg Leibbrandt „Die deutschen Kolonien in Cherson und Bessarabien“, dem auch diese hier vorliegenden Berichte entnommen sind. Einsehbar im „Institut für Auslandsbeziehungen, Stuttgart,“ unter der Signatur DAJ–C 1.
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